Der „Cinemix“ steht im Zentrum des Internationalen Festivals für Jetztmusik und Medienkunst. Als Live-Vertonung von Stummfilmen stellt er eine der spannendsten und anspruchsvollsten Facetten von Jetztmusik dar: Die Bildebene des Stummfilms erfährt dabei durch die Musik Aktualisierung, im Gegenzug wird der neu komponierte Score durch die Filmbilder konkretisiert. Als intermediales und mehrdimensionales Kunstwerk steht der Cinemix also für die kreative Vermittlung zwischen den Kunstformen Film und Musik und somit für kulturelle Offenheit.
Bislang wurden im Rahmen des Festivals drei Cinemixe präsentiert: Im Jahr 2007 vertonte der französische DJ und Produzent Laurent Garnier, legendäres Urgestein und internationaler Topstar elektronischer Tanzmusik, zusammen mit dem Pianisten Benjamin Rippert Jean Epsteins semindokumentarischen Avantgardefilm „Finis Terrae“ (1929). Die Kooperation zwischen Garnier und Rippert kam auf Vorschlag des Pariser Louvre zustande, wo das Projekt seine Uraufführung feierte, der Auftritt in Mannheim stellte dann die Deutschlandpremiere ihres Projekts dar. Ebenfalls im Festivalprogramm 2007 enthalten war die Live-Vertonung einer Folge aus Louis Feuillades Serie „Les Vampires“ (1915) durch Gilbert Cohen und Nicholas Chaix von Chateau Flight. Filmhistorisch gilt Feuillade neben David Wark Griffith und Erich v. Stroheim als einer der drei großen Entwickler filmischen Erzählens, „Les Vampires“ wurde in seiner bestechenden künstlerischen Perfektion, der Darstellung krimineller „Gegenwelten“ und der begeisternden Verwendung technischer Spielereien zur Vorlage zahlloser Gangster- und Agentenfilme, u.a. beeinflusste die Serie die James Bond-Filme in nicht unbeträchtlicher Weise. Chateau Flight auf der anderen Seite gelten nicht nur in Frankreich als Geheimtipp in Sachen musikalischer Stilsicherheit und genießen sowohl durch ihre Produktionen als auch durch ihre Auftritte als DJs hohes internationales Renommee.
Im Jahr 2008 präsentierte das Festival eine Weltpremiere, die Neuvertonung von Walther Ruttmanns „Berlin, Sinfonie der Großstadt“ durch Ricardo Villalobos, Moritz von Oswald und Max Loderbauer. Hier begegneten sich nicht nur klassische Filmkunst und moderne Formen der Klangerzeugung, sondern die musikalische Ebene selbst integriert wiederum verschiedenste Klangquellen: vom Sampler über analoge Synthesizer bis hin zu südamerikanischen Percussioninstrumenten. Auf der anderen Seite steht der Regisseur Walther Ruttmann, geschult an den Avantgarde-Bewegungen der zwanziger Jahre, für die Integration abstrakter musikalischer Kompositionsprinzipien auf das Kino, sein „Berlin“-Film ist dadurch auch als eine Art „Musik des Lichtes“ (Walther Ruttmann) genießbar.
Im Cinemix treten aber noch weitere genre- und grenzüberschreitende Prozesse auf: Zunächst wird die komplexe Verbindung von Bild und Klang durch das eher theatrale Moment des Performativen ergänzt: MusikerInnen treten vor ein Publikum und bieten ihre Vertonung live dar. Zusätzlich beeinflussen Lichtinszenierung und Architektur der Location die Darbietung. Eine weitere Klammer des Cinemix-Konzeptes ist historischer Art: er knüpft einerseits an alte Traditionen der Stummfilmbegleitung an, zu der bis in die zwanziger Jahre neben Grammophon und Piano schon das große Orchester zählte, und weist andererseits in die Zukunft digitaler Klangerzeugung, die Film zunehmend räumlich, als 5.1-Surround-Erlebnis erlebbar macht. Bei der Vertonung zu „Berlin, Sinfonie der Großstadt“ wurde dies besonders deutlich: Mit Loderbauer, v. Oswald und Villalobos konnten drei Musiker, die seit Jahren den elektronischen Sound von Berlin definieren, gewonnen werden, um Ruttmanns Vision des Berlin der zwanziger Jahre neu zu interpretieren. Gleichzeitig antwortet ihr Score auf die 2007 restaurierte Orchestrierung von Edmund Meisels Originalmusik durch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.
